Leseprobe aus „Die Wetterfee“
Mit den Worten „Es ist ein Mädchen“ beginnt für die neugeborene Mira kein Leben, sondern eine Niederlage. In einer Welt, in der ein Sohn alles und eine Tochter eine Schuld bedeutet, ist die Reaktion ihres Vaters nicht nur Enttäuschung, sondern die erste, unumstößliche Weichenstellung ihres Lebens. Es ist ein Urteil, gesprochen in der Stille eines Krankenhauses, das wie ein Fluch auf ihr lastet und einen Kampf einleitet, der vom ersten Atemzug an geführt werden muss.
Der Roman eröffnet mit einer Szene von archaischer Wucht. In der klinischen Stille eines Geburtsraums wird der Urkonflikt der Protagonistin nicht nur etabliert, sondern ihr vom ersten Atemzug an wie ein Mal eingebrannt.
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»Es ist ein Mädchen«, sagte die Hebamme, und diese vier Worte besiegelten ein Schicksal.
In einer Zeit, in der Männer noch unerschütterlich glaubten, dass Töchter weniger wert seien als Söhne, in der der Stammhalter alles und eine Tochter eine Belastung bedeutete, war Miras Geburt nicht der Anfang eines Lebens, sondern bereits eine Niederlage. Der erste von unzähligen Schlägen, die das Leben ihr versetzen würde.
Ihr Vater – ein Mann mit hartem Gesicht und noch härteren Fäusten – stand am Krankenhausfenster und starrte in die Dunkelheit. Draußen begann der erste Frost des Winters. Drinnen lag seine Frau erschöpft im Bett, das Neugeborene an ihrer Brust. Die Stille im Raum war schwerer als die Herbstluft.
»Ein Mädchen«, wiederholte er leise, und das Wort klang wie ein Fluch.
Er blickte auf das kleine Gesicht hinunter, die winzigen Fäustchen, die sich öffneten und schlossen, die kleinen Lippen, die sich bewegten, als suchten sie nach etwas. Dann drehte er sich um und verließ den Raum ohne ein Wort.
Sina blieb zurück mit ihrem neugeborenen Kind und dem ersten Riss in ihrem Herzen, der in den kommenden Jahren zu einem tiefen Abgrund werden sollte.
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Mit diesem Riss im Herzen der Mutter und der stummen Ablehnung des Vaters ist der Grundstein für Miras Lebensweg gelegt. Die Frage, wie aus solcher Kälte eine eigene Wärme wachsen kann und welche Sprache ein Kind erfindet, wenn Schweigen die Muttersprache ist, bildet das stille, eindringliche Zentrum dieses Romans.